Eine Stadt lacht mit der Spätsommersonne

Wenn man morgens zum Aufbau der Biathlonarena auf einen Platz mit tausenden kleiner Scherben kommt, dann kann man sich entweder darüber ärgern oder bereits in Vorfreude kommen, weil die Etappenstadt eine feierfreudige zu sein scheint. Lingen an der Ems gehört zu Letzteren und Ärger ist ohnehin nicht nötig, weil der Besenwagen, kaum gerufen, schon bereit ist, um den Platz am Neuen Rathaus von den Spuren der Partynacht zu befreien. Beim jährlichen Stadtfest ist Lingen im Ausnahmezustand, Bands sorgen am späten Samstag für Festivalstimmung in der Altstadt, während der Familiensonntag u.a. Biathlon und verkaufsoffene Geschäfte bietet. Die Biathlon-Tour, eingeladen vom Stadtfestveranstalter, der Lingen Wirtschaft & Tourismus GmbH, konnte bereits im Vorjahr erste Fans hier gewinnen und erlebt an diesem wolkenlosen Spätsommertag mit 80 Wettkämpfern und mehreren Hundert Schnupperschützen ein erfreulich lebendiges Mitmachevent.

Umkämpfter Siegerpreis

Gleich 7 von 80 Wettkämpfern schaffen das fehlerlose Schießen mit 5 Treffern nach den 400 Metern auf dem Skilanglauf-Cardiogerät. Dass darunter 3 Frauen sind und zusätzlich mit Petra Behnen die schnellste Wettkämpferin des Tages mit ihren 4 Treffern ebenfalls noch in den Top10 steht, ist aussergewöhnlich und besonders erfreulich. Wir erleben einen spannenden Kampf mit gleich 6 Wechseln in der Etappenführung um den Siegerpreis, die Reise zum Tourfinale nach Ruhpolding am 8./9.2.2020, wo die oder der beste Lingener Biathlet auf Skiern und am Kleinkalibergewehr in der bekannten Chiemgau-Arena gegen die Etappensieger der 39 anderen Tourstädte um den Toursieg kämpft und zuvor vom Olympiasieger 1992 in Albertville, Fritz Fischer, auf dieses Finale vorbereitet wird. Diesen Preis gewinnt Lingens Beste(r) inklusive Unterkunft für 2 Personen und inklusive der Siegerparty in der Zirmbergalm.

Die Besten des Vormittags

Es ist Vormittag in der Lingener Innenstadt, die Geschäfte noch geschlossen, die Straßen noch nahezu menschenleer, da starten Langdistanz-Triathlet Andreas Stadtherr und Markus Itzkow aus Lünne (beide im Bild oben links) in den Biathlon-Wettkampf und setzen ein erstes Zeichen. Andreas Stadtherr legt für die 400 m Skilanglauf und seine 5 Schüsse gleich eine Etappensieger-verdächtige Teit hin mit seinen 2:17 Minuten, doch seine zwei Fehlschüsse bieten dem treffsicheren Markus Itzkow die Gelegenheit, mit seinen 4 Treffern und der ebenfalls starken Zeit von 2:50 Minuten dieses Duell zu gewinnen und zunächst die Etappenführung zu übernehmen.

Doch bereits im nächsten Damen-Dreikampf wechselt die Etappenführung. Nicola und Merle Drees, die beide schon im Vorjahr ihr Können am Biathlongewehr unter Beweis stellen konnten, zeigen heute, dass dies keineswegs Zufall war. Tochter Merle (im Bild oben, unten links), Akrobatin und Tennisspielerin ist in 3:38 Minuten die Schnellere im Mutter-/Tochter-Duell, doch verpasst das perfekte Schießen durch einen Fehlschuss. Mutter Nicola (im Bild oben rechts) benötigt mit 5:01 Minuten zwar etwas mehr Zeit, doch sie schafft, wie im Vorjahr, heute als erste Wettkämpferin das fehlerlose Schießen und setzt sich an die Spitze der Etappe.

Wiederum hält die Führung nicht für lange Dauer, denn die nächste treffsichere Dame steht schon in den Startlöchern. Kristina Dust (im oberen Bild unten rechts), auch bereits im Vorjahr bei der Biathlon-Etappe am Start, kann ihre beeindruckende Trefferbilanz aus einigen Probedurchgängen nun auch im Wettkampf mit Kristina Glandorf wiederholen und schafft das fehlerlose Schießen in 4:36 Minuten etwas schneller, als zuvor Nicola Drees. Wow, die Etappe ist gerade eine Stunde alt und hat bereits zwei Meisterschützinnen und damit mehr, als die meisten Etappen am gesamten Tag hervorbringen. Beide gewinnen natürlich das original Intersport Shootingstar-T-Shirt und die Shootingstar-Medaille.

Als wären sie Biathleten

So langsam erwacht die Lingener Innenstadt, da hat die Biathlonetappe schon zu voller Lebendigkeit gefunden. Maximale Treffsicherheit und Skilanglauf mit viel Krafteinsatz und hohem Tempo haben wir in den bisherigen Wettkämpfen bereits gesehen, doch nun stehen 2 Wettkämpfer am Start, die beide Qualitäten vereinen und den Anforderungen des Biathlons voll gewachsen sind. Der KIckboxer und begeisterte Hobbyangler, Stefan Schulte (im hellblauen Hemd) und Florian Holtkamp sorgen für einen ganz und gar nicht alltäglichen Moment der Biathlon-Tour, denn gleich beide bleiben im Stile trainierter Biathleten am Gewehr komplett fehlerlos, erzielen zusammen 10 Treffer und übernehmen die Plätze 1 und 2 der Etappenrangliste. Tobias Leistung in 3:10 Minuten geht dabei fast ein wenig unter, denn zuvor stürmte Stefan noch etwas schneller durch seine 400 m-Strecke und liess Florian auch bei seinem schnellen Schießen keine Gelegenheit, noch einmal heranzukommen. Mit 2:51 Minuten und 5 Treffern schafft der Maurer aus Dörpen eine Leistung, die nicht mehr so einfach unterboten werden kann. Haben wir mit dem 2o-Jährigen bereits den Etappensieger gesehen?

Noch schneller, als der Etappenführende

Die Stadt ist längst zum Leben erwacht, die Lingener Händler haben die Geschäfte geöffnet und der Biathlon-Wettkampf reizt nun immer wieder auch gute Sportler, die sich an der Verbesserung der Tagesbestleistung versuchen. Nun stimmt auch die Kulisse rund um die Biathlonarena und in Lingen kommt Biathlon-Atmosphäre auf. Als etwa der mehrfache Deutsche Taekwondo-Meister aus Rheine, Sascha Wiese (im Bild oben links) die Zeit des Etappenführenden mit 2:49 Minuten knapp unterbietet. Doch der zweitbeste der Biathlonetappe zwei Wochen zuvor in Mesum findet am heutigen Tag seine Treffsicherheit nicht so perfekt und muss sich mit 3 Treffern und Platz 26 in der Tagesrangliste begnügen. Noch schneller als Sascha ist der junge Fußballer, Johannes Neerschulte. (im Bild oben, unten links auf dem mittleren Sklilanglauf-Gerät). Johannes schafft die starke Endzeit von 2:25 Minuten, doch auch ihn werfen 2 Fehlschüsse zurück und bringen den 23. Platz im Tagesranking. Auch Kai Siepker (im Bild oben rechts) mit 3 Treffern und Michael Freese (im Bild oben, unten rechts) mit 4 Treffern zeigen gute Wettkämpfe, doch kommen an den Führenden, Stefan Schulte, nicht heran.

Die Jäger des Führenden kommen näher heran

Dass mit Petra Behnen aus Rheine-Mesum (im Bild oben links) eine Wettkämpferin in 2:46 Minuten schneller durch ihren Wettkampf kommt, als der Führende, kräftige Kickboxer Stefan Schulte, ist besonders erwähnenswert. Wettkämpferinnen mit einem Ergebnis unter der 3-Minuten-Marke sind Ausnahmen bei den Touretappen. Die sportliche Floristin mit eigenem Blumengeschäft krönt ihre tolle Leistung mit 4 Treffern und dem 10. Platz in der Etappen-Rangliste. Nur um weniger Millimeter verpasst Petra durch den einen Fehlschuss die Etappenführung. Ebenso knapp wie unglücklich wie Petra schrammt auch Roland Behnen an der Etappenführung vorbei. Seine Zeit von 2:40 Minuten reicht komfortabel und 4 Treffer mit 4 Schüssen machen für ihn die Tür zur Führung weit auf. Doch der im Biathlon berüchtigte letzte Schuss wird auch für Roland zum Verflixten. Jubel und Enttäuschung liegen beim Biathlon so dicht nebeneinander, wie bei kaum einer anderen Sportart.

Das muss auch der Paderborner, Klaus Wiedemeier, (im oberen Bild unten rechts) erleben. Seine 2:49 Minuten hätten zur Etappenführung gereicht, doch auch hier bremst ein Fehlschuss, der aus dem 1. Platz einen 11. Platz macht. Klaus ist zurecht dennoch stolz über seine Biathlonpremiere und die Erinnerungsmedaille.

Auf den Spuren Laura Dahlmeiers

Im vergangenen Jahr schaffte die selbständige Fotografin, Steffi Pleimann, hier in Lingen bereits 4 Treffer in ihrem Biathlon-Wettkampf und es ist erst 2 Wochen her, da holte sie sich bei der Etappe in Mesum mit einem fehlerlosen Schießen sogar den 4. Platz unter 130 Wettkämpfern. Beruflich ist sie mit ihrem Fotostudio, Schärfegrad, in Rheine-Mesum auf den richtigen Moment des Abdrückens spezialisiert und beweist diese Qualität mit beeindruckender Kontinuität auch unter Belastung bei den Biathlonwettkämpfen. Auch heute in Lingen holt sie den 4. Platz und wird zudem beste Wettkämperin des Tages mit ihrem fehlerlosen Schießen und 3:02 Minuten. Es bestätigt sich bei jeder Etappe, Treffsicherheit ist keine Männerdomäne.

Bleibt der Kickboxer ungeschlagen?

Seit mehreren Stunden hält sich Stefan Schulte, der Dörpener Kickboxer und Angelfreak, auf Platz 1 und seine Leistung von 2:51 Minuten und 5 Treffern geriet mehrfach heftig ins Wanken fiel aber nicht. Die Etappe biegt bereits auf die späteren Nachmittagsstunden ein , da zeigt der in Lingen lebende Iraner, Reza Kasemi einen ganz starken Wettkampf, an dessen Ende ein fehlerloses Schießen und ein herzlicher Applaus des Publikums steht. Reza hat alles richtig gemacht, ist gut durch die 400 m Skilanglaufstrecke gekommen, schießt im schnellen Rhythmus und das noch fehlerlos, doch am Ende fehlen ihm mit 2:55 Minuten genau 4 Sekunden auf die Bestleistung. Reza verliert sein Lachen deshalb dennoch nicht und wird Dritter dieser Etappe.

Knockt ein Touchdown den Kickboxer aus?

Neben Ludwig Wulfern, dem Unternehmer aus Voltlage, starten zwei sportliche Haselünner in einen weiteren Dreikampf aus der Kategorie „wer schlägt den Kickboxer?“. Der 17-jährige Timon Stüwe (im schwarzen T-Shirt) spielt American Football und hat es sogar schon bis in die Niedersachsen-Auswahl geschafft. Zunächst ist aber Kumpel Jost Münster der schnellere und wechselt nach rund 100 Sekunden vom Skilanglauf-Gerät ans Biathlongewehr. Nur wenige Sekunden danach folgen auch Timon und Ludwig. Klar ist, die Zeit des Führenden wird nun wieder „wackeln“, doch bisher kamen die Schnellen nie ohne Fehlschuss aus ihren Wettkämpfen. So auch Jost nicht, der in 2:35 Minuten gleich 16 Sekunden schneller als der Führende ist, jedoch 3 Fehlschüsse hinnehmen muss. Während auch Ludwig mit einem Schießfehler einen Top10-Platz knapp verfehlt kann Timon seine ersten 3 Schüsse ins Ziel bringen. Der Schüler und zumeist 4 x wöchentlich trainierende Leistungssportler zeigt beim Schießen jene Konzentration und Fokussierung, die sich bereits in seiner Haltung am Biathlongewehr abbildet. Auch mit dem 4. Schuss bleibt er fehlerlos und nun bleiben ihm rund 13 Sekunden bis zu den 2:51 Minuten von Stefan Schulte, die es zu unterbieten gilt. Schießerfahrung hat Timon durch einige Wettkämpfe mit dem Luftgewehr beim der heimischen Sportschützen-Gemeinschaft Schleper. Wird der letzte Schuss auch für ihn zum verflixten, wie zuvor schon für Roland Behnen? Der junge Footballer lässt den Kopf in dieser Situation erst gar nicht zur Entfaltung kommen und setzt den letzten Schuss schon 3 Sekunden später. Treffer! In 2:40 Minuten und mit 5 Treffern übernimmt der 17-Jährige nicht nur die Führung, sondern gewinnt die Etappe in Lingen und damit die Reise zum Finale der Biathlon Deutschland-Tour am 8./9. Februar 2020 nach Ruhpolding.

Der abschließende Dank

Unser Dank gilt den zahlreichen Wettkämpfern des Tages für ihren Einsatz und die Motivation. Mein persönlicher Dank geht an das Tourteam mit Daniel und Jörg, sowie unseren beiden engagierten Helfern, Silvia und Dirk. Und herzlich bedanken wir uns bei der LWT Lingen und Mechthild Wildemann-Pleister für die unkomplizierte und angenehme Zusammenarbeit.

Bilder: Jörg Wienoch Technik: Daniel Holtschneider Text: Martin Bremer