Nachbericht zur 27. Etappe 2018 in Kassel

Stimmung, Ambiente, Wettkämpfer –

im dez passt wieder alles

Das nennt man wohl gutes Timing. Zum ersten richtig kalten Wochenende in diesem Spätherbst genießen wir die Vorzüge des Indoor-Biathlons umso mehr. Hier im Kasseler dez Einkaufszentrum ist es ja nicht nur die angenehme Temperatur, die zur Entspannung beiträgt, sondern man wähnt sich in einer „Shopping-Center-Welt“, die noch in Ordnung ist. Leerstände gibt es nicht in diesem Einkaufszentrum der 1. Stunde in Deutschland, das in diesem Jahr seinen 50. feiert doch in allen Facetten zeitgemäß und sogar als Trendsetter daherkommt. Die Dichte des gastronomischen Angebots ist aussergewöhnlich und trägt natürlich zu dem Eindruck bei, dass viele der tausenden Menschen ihr Shopping hier als Ausflug zelebrieren. Sie haben „Zeit mitgebracht“ sind entspannt und aufgeschlossen. Und so gehört dieser schon 4. dez-Biathlon wieder zu den besonders erfreulichen Etappen des Tourjahres, wo der Funke der Biathlonbegeisterung so manches Mal überspringt und speziell am Samstag das sportliche Wettkampffieber im Kampf um den Etappensieg entbrennt.

Rund 800 Schnupperschützen und 90 Wettkämpfer

Es sind zunächst Kleinigkeiten, an denen wir erkennen, ob wir den Shopping-Gast gewinnen können für ein sportliches Erlebnis? Wer etwa nach den ersten 5 Schüssen seine Jacke auszieht, um Armfreiheit zu haben, ist schon unterwegs in ein vertieftes Biathlonerleben. Wer sich einlässt, geht dann oft auch den nächsten Schritt und wird zum Wettkämpfer des Biathlonduells, bei dem vor dem Stehendschießen mit 5 Schüssen ein 400 m-Rennen auf den Skilanglauf-Cardiogeräten, Thoraxtrainer, stattfindet. Erst dabei begegnen die Mitmacher der tatsächlichen Biathlon-Herausforderung, nämlich in Sekundenschnelle höchste Präzision unter körperlicher Belastung zu erlangen. Diese Momente faszinieren schon beim Zuschauen und umso mehr beim Ausprobieren. Von ca. 800 Schnupperschützen an diesen beiden Tagen entscheiden sich 90 für den Wettkampf und liefern sich spannende Duelle um den Etappensieg und den Siegerpreis, die Reise zum Tourfinale nach Ruhpolding am 26./27. Januar 2019 in der Chiemgau-Arena. Klasse, dass vom Schüler bis zum Rentner wieder alle Altersgruppen und auch 20 Wettkämpferinnen ins Rennen gehen. Einige Leistungssportler sind auch dabei, wodurch das sportliche Niveau des Wettbewerbs im Vergleich zu anderen Touretappen recht hoch ist. Bis auf eine Ausnahme sind die Sportler jedoch keine Biathleten und der eine Spezialist muss sich mit dem 8. Platz begnügen. Die besten Leistungen im Einzelnen.

Der einzige Biathlet unter den Startern

Stefan Dingel (im Bild oben im roten T-Shirt) hat als Schüler einige Jahre Biathlonerfahrung sammeln können auf dem Sportinternat in Willingen. Das liegt schon 4 Jahre zurück. Doch dass er sein „Handwerk“ noch versteht zeigt er im Duell mit dem kräftigen Cross-Fitter Richard Hermann. Richard ist der etwas Schnellere auf der 400 m-Strecke und legt mit seinen 5 Schüssen 3 Treffer hin. Für den Langlauf + das Schießen benötigt er 2:07 Minuten, eine Zeit mit Etappensiegerqualität. Biathlet Stefan muss für den Duellsieg gegen Richard nun mindestens 4 Treffer mit den 5 Schüssen erzielen und schafft genau das. Mit 4 Treffern und 2:15 Minuten gewinnt Stefan das Duell, nicht aber die gesamte Etappe, denn es sollten im Laufe der zwei Tage noch 3 Wettkämpfer das Kunststück des fehlerfreien Schießens mit 5 Treffern schaffen und auch noch einige starke Sportler mit 4 Treffern unter 2:15 Minuten bleiben. Am Ende wird der ehemalige Biathlet Achter und wertet damit die sportlichen Leistungen der vor ihm platzierten Biathlon-Novizen nochmals auf.

Fünfkampf-Champion zeigt Biathlon-Qualitäten

Matthias Blaschke war schon vor 2 Jahren bei der Biathlonetappe im dez am Start und kämpfte damals in mehreren Anläufen um den Sieg. Seinerzeit reichte es für den 52-Jährigen wegen eines Schießfehlers auf die damals 60 mm großen Ziele „nur“ zu Platz 19. Heute, beim Schießen auf die mittlerweile verkleinerten 45 mm-Ziele macht es der Ausbilder der Feuerwehrschule in Kassel noch besser. Mit dem ersten fehlerlosen Schießen dieser Etappe übernimmt das Mitglied der Deutschen Reservistenmannschaft im Militärischen Fünfkampf zunächst die Führung. 2:36 Minuten sind zudem eine sportliche Zeit.  Zum Militärischen Fünfkampf gehört auch das Schießen mit dem Gewehr, so dass Matthias den meisten Wettkämpfern hier Schießerfahrung voraus hat. Mit den Disziplinen Hindernislaufen und Hindernisschwimmen trainiert er auch die (Kraft-)Ausdauer für die Belastung auf dem Thoraxtrainer. In seiner Altersklasse ist er im Militärischen Fünfkampf sehr erfolgreich, gewann in diesem Jahr den internationalen Vergleichskampf in Südafrika. Insofern ist es kaum überraschend, dass Matthias hier beim Biathlon zahlreiche jüngere Sportler hinter sich lässt. Doch zum Sieg reicht seine tolle Leistung am Ende nicht.

Power hoch 2

Zwei derart muskelbepackte Arme sieht man nun auch nicht so oft im Shopping-Center.  Doch hier kommen gleich 4 daher und die beiden Köpfe darüber sehen sich ziemlich ähnlich. Die Zwillinge  Nicholas (im rötlichen T-Shirt) und Julian Krimmel schauen mit ihren 33 Jahren auf eine lange gemeinsame Karriere als Ruderer zurück, die sogar bis zu Deutschen Meisterehren im Sprintvierer führte. Auch als Unternehmer bilden die beiden Produktentwickler ein starkes Doppel und haben mit „Tüpfelchen“ ihren eigenen Tassenkuchen entwickelt, der auch im dez-Einkaufszentrum angeboten wird. Wie schön, dass die beiden als selbständige Unternehmer auch selbst entscheiden können, am Freitagmittag nach dem Kundengespräch etwas Zeit zum Biathlon zu nehmen. So erleben wir begeisternde Power auf den Skilanglaufergometern. Wenn diese Kraft vom Tassenkuchen kommt, dann sollte Tüpfelchen zum Standardprogramm jedes Fitnessstudios werden. Jedenfalls gewinnt Julian das erste Zwillingsduell mit 1:56 Minuten und 4 Treffern, Nicholas das 2. Duell in 1:52 Minuten mit 4 Treffern und erreichen „mal eben“ die Zeiten der Besten der gesamten Biathlon-Tour. Was Ihnen noch fehlt ist das fehlerlose Schießen. Dafür gehen die beiden ein drittes Mal in die Loipe. Dieses Mal mit minimal gebremstem Schaum. Und wie das bei einem perfekt eingespielten Doppel sein muss, springt der eine ein, wenn der andere patzt. Nicholas ist in 1:57 Minuten der Schnellere, doch sein einer Schießfehler ist das Signal für Julian, die Aufgabe fehlerlos zu Ende zu bringen. Also setzt Julian seinen 4 Treffern mit 4 Schüssen am Ende das Tüpfelchen auf und holt in 2:05 Minuten mit 5 Treffern die Etappenführung. Nur 14 von über 1000 Sportlern erzielten auf den bisher 26 Etappen der Tour 2018 ein noch besseres Resultat als Julian

Halbzeitführung für Ruderer und Fünfkämpfer

Nach dem ersten Etappentag belegen die Tüpfelchen Julian und Nicholas die Plätze 1 und 3. Den 2. Platz belegt der Militärische Fünfkämpfer Matthias Blaschke. Doch es sollte ein heisser Wettkampfsamstag werden.

Höchsttempo beim dez-Bummel

Dieser Samstag, den tausende Menschen zum dez-Bummel nutzen werden, nimmt an der Biathlonarena schon früh Tempo auf. Der junge Sportschütze Christopher Holl ist ganz schön fit und kommt dem gestrigen Tempo der Ruderer recht nahe. Sein erster Schuss zeigt, dass er als Sportschütze das Schießen unter Belastung nicht gewöhnt ist. Die Schüsse 2-5 demonstrieren, wie gut er zielt, wenn der Atem dies einigermaßen zulässt. Mit 4 Treffern und 2:14 Minuten gehört Christopher zu den Etappenbesten. Am Ende ist es Platz 7 mit einer Sekunde Vorsprung vor Ex-Biathlet Stefan Dingel.

Die Vermehrung der Tüpfelchen

Ruderbruder Nicholas ist heute mit Franzi an der Biathlonarena, und kurz darauf bringt Ruderbruder Julian auch Schwester Vicki und die Mama mit. 5 Farbtüpfelchen für die Biathlonetappe, denn auch Franzi (im dunklen Hemd) und Ballett-Tänzerin Vicki sind Wettkampftypen.

o.l.: Vicki Sandlaß; o.r.: Antje Rudolph; u.l.: Anna-Lena Demski; u.r.: Silke Hantke

Vicki verbessert sich bei ihrem 2. Wettkampf von einem auf drei Treffer und wird in 3:08 Minuten beste Wettkämpferin der Etappe, vor den Biathlonfans Antje Rudolph und Silke Hantke, Anna-Lena Demski und der Thüringerin Vicki Sandlaß. Sie alle erzielen 3 Treffer und lassen nahezu 50 Männer hinter sich. Chapeau!

Die beiden Tüpfelchen selbst sind heute ohne Tassenkuchen aber mit Muskelkaterkater im dez. Ihr Höchsttempo des Vortages verbessern beide dennoch und gehören in 1:45 Minuten und 1:46 Minuten nun zu den schnellsten 10 der Tour 2018. Das fehlerlose Schießen gelingt an diesem Tag keinem der beiden, doch man könnte sagen „was solls“, Julian führt die Etappe ja weiterhin an.

Über dem Tempolimit?

Wo liegt eigentlich das Tempolimit im dez-Einkaufszentrum? Einige starke Athleten ducken die Köpfe, als der Blitzer kommt. Wir freuen uns, dass die schwer zu schlagende Vorgabe von Julian Krimmel mit 5 Treffern in 2:05 Minuten für so viel Ansporn sorgt. Da ist der Triathlet Andre Brethauer (in der blau-orangenen Jacke), der sogar die 2-Minuten-Marke knackt, aber bei seinen 1:59 Minuten 4 Fehlschüsse hinnehmen muss. Tempo alleine reicht nicht zum Biathlonerfolg. Das müssen auch Mittelstreckenläufer Tom Sälzer und Fußballer Max Alter (im Bild oben, oben links) erkennen. Die Zeit von 2:07 Minuten ist fast etappensiegerreif, doch beim Schießen bleiben die Ampeln rot. Cross-Fit-Athlet Richard Hermann (im Bild oben, unten rechts in kurzer Hose) schafft bei 2:07 Minuten 3 Treffer. Als er im nächsten Versuch das Tempo anzieht werden es 1:57 Minuten und 2 Treffer. Besser macht es Steffen Otterbach (im Bild oben, links unten). Seine 4 Treffer in 2:11 Minuten reichen zum 6. Platz.

Wo er dabei ist, wirds dramatisch

Wenn Patrick Pöhler am Start der Etappe ist, dann sollte sich keiner zu sicher fühlen, auch er selbst nicht. Fast legendär sind seine 8 Wettkämpfe am gleichen Tag im Paderborner Südring-Center 2017, als er mit seinem 8. Versuch und zugleich vorletztem Wettkampf der Etappe endlich die Gesamtführung übernahm, um sie nur Minuten später mit dem letzten Wettkampf an den bis dahin führenden Kevin Mersmann doch wieder abgeben zu müssen. Doch Patrick schaffte 2017 mit seinem Etappensieg in Hagen das Happy End und davon ist er auch in diesem Jahr überzeugt. So kämpft er dann auch und legt ein Rennen hin, dass wir ihm so nicht zugetraut hätten, obwohl wir ihn nun schon gut kennen. Er wird schnellster Wettkämpfer der Etappe in 1:43 Minuten und nimmt mit einem unglaublich schnellen Schießen tatsächlich Kurs auf die zweitbeste Leistung aller Wettkämpfer 2018. Ein einziger kleiner Wackler trennt Patrick bei diesem Wettkampf vom perfekten Ergebnis. Statt Etappenführung wird es Platz 4 mit 1:43 Minuten und 4 Treffern. Im vergangenen Jahr schaffte er seinen Sieg im dritten Anlauf. In diesem Jahr hat er seine warm ups in Paderborn und Kassel nun hingelegt. Werden wir ihn am 9.12. in Hofgeismar zum Happy End 2.0 wiedersehen?

Ein leiser Kämpfer probt sein Tüpfelchen

Emsig und still trainiert Swen Jan Sellin am Biathlongewehr für seinen Wettkampf. Der Kasseler Kampfsportler und Student der Wirtschaftswissenschaften lernte die Biathlon-Tour 2017 in Hofgeismar kennen und war seinerzeit der Etappenschnellste, jedoch für den Etappensieg nicht treffsicher genug. Nun übt der leistungssportlich orientierte Sambo-Kämpfer eine 5er-Serie nach der nächsten am Biathlongewehr. Sambo ist ein russischer Kampfsport und bedeutet „Kampf ohne Waffen“. Heute führt er seinen Kampf zunächst mit der Waffe, denn die will ihm nur ganz allmählich so gehorchen, wie es sich der ehrgeizige 26-Jährige vorstellt. Als er dann in den Wettkampf geht wirkt er sehr ruhig und fokussiert. Sein Tempo von 90 Sekunden für die 400 m Skilanglauf lässt ihm nun am Biathlongewehr wenig taktischen Spielraum. Er wird recht zügig mit dem Schießen beginnen müssen, wenn er auf den Etappensieg aus ist. Zumeist geht ein zu schnell gesetzter erster Schuss daneben, doch Swen Jan trifft und auch der zweite und dritte Schuss treffen. Wenn er den schnellen Rhythmus beibehalten kann ist nun alles möglich und tatsächlich legt er sogleich den 4. Treffer hin. Wie viele ambitionierte Wettkämpfer haben wir alleine auf den vergangenen Etappen am 5. Schuss scheitern gesehen. Es wird in diesem Moment auch ein Kampf mit dem Kopf. Wenn das Denken beginnt schwappt Ablenkung hinein in die Fokussierung und verdirbt nicht selten die perfekte Vorleistung. Was geht in Swen Jan vor, als er schießt? Wir wissen es nicht, doch wir sehen 5 grüne Ziele und die gestoppte Zeit von 2:01 Minuten. Die Etappe erlebt tatsächlich noch einen Führungswechsel.

Herzlicher Glückwunsch und Dank

Mit dem Etappensieg von Swen Jan Sellin endet diese 2-tägige Etappe im Kasseler dez-Einkaufszentrum. Swen Jan werden wir am 26./27.1.2019 zum Finale in der Chiemgau-Arena wiedersehen.

Das Tourteam möchte allen Wettkämpferinnen und Wettkämpfern noch einmal herzlich dankeschön sagen für die tollen Wettkämpfe und Eure Motivation. Ihr seid es, die ein solches Mitmachevent zur Lebendigkeit führen und es war herrlich lebendig! Der abschließende Dank gilt dem Centermanager, Kai Ehlers, der die Biathlon-Tour schon 2014 für sein Einkaufszentrum verpflichtete, als es noch gar kein Bild und noch gar keine Etappe vorzuweisen gab. Nun durften wir bereits im 4. Jahr in Folge wiederkommen und freuen uns  über diese Kontinuität.

Bilder: Siegward Pein     Text: Martin Bremer