Nachbericht zur 11. Etappe 2017 in Bad Godesberg

Godesberger Programm der Biathlon-Tour

Es fühlt sich schon besonders an, mit der Biathlon auf Schalke-Tour in jene Stadt zu kommen, die mit der Deutschen Politik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so eng verwoben ist, wie kaum eine andere. Hier, im „Wohnzimmer der Republik“, wie die Diplomatenstadt als täglicher Schauplatz außenpolitischer Verhandlungen seinerzeit bezeichnet wurde, und nur wenige hundert Meter entfernt von der Weinstube Maternus, wo Bundeskanzler Konrad Adenauer regelmäßig zum Mittagessen einkehrte, nimmt die Biathlon auf Schalke-Tour an diesem letzten Maiwochenende, inmitten der Bad Godesberger Innenstadt, den Theaterplatz ein, wo Bonns größtes Schauspielhaus schon seit Beginn der 1950er Jahre zu Kammerspielen einlädt.

Die kleinen sportlichen Dramen gehören auch beim Biathlon immer wieder dazu. Den Wendepunkt im Biathlondrama markiert der Fehlschuss, jener so winzige wie unerwünschte Moment fehlender Präzision, der die zuvor unter Anstrengung hervorgebrachte Leistung im 400 m-Skilanglaufsprint auf dem Thoraxtrainer so plötzlich entwertet. Es sind nur Millisekunden im Zusammenspiel zwischen Auge, Gehirn und dem schussauslösenden Zeigefinger. Das Auge erkennt den richtigen Moment, das Gehirn gibt „grünes Licht“, doch „die Leitung“ zum Zeigefinger erweist sich dieses eine Mal als zu lang. Besondere Emotionen ruft dieses kleine Missgeschick hervor, wenn es sich nach vier erfolgreichen Versuchen ausgerechnet mit dem letzten Schuss „einschleicht“ und die Herausforderung des fehlerlosen Schießens quasi „auf den letzten Drücker“ zur unüberwindbaren Hürde erhöht. Genau dies passiert unseren drei Wettkämpfer/innen auf den obigen Bildern (Natascha Kienzle, Jana Harmeling und dem 12-jährigen Patrick Renery) und „nur“ 10 der 111 Wettkämpfern des Wochenendes gelingt das fehlerlose Schießen mit 5 Treffern.

Menschenkraft und Pferdestärken

Die Biathlon auf Schalke-Tour trifft an diesem Wochenende auf die Bad Godesberger Autotage. Zahlreiche Autohäuser aus der Umgebung präsentieren in der Innenstadt ihre Modelle. Während beim Biathlon, wie oben beschrieben, der besondere Reiz in der menschlichen Fehlerhaftigkeit und seiner Überwindung liegt, präsentiert sich an den Flanken des Theaterplatzes die maschinelle Perfektion. Das Bad Godesberger Stadtmarketing möchte diese beiden Aktionstage damit um eine neue Facette erweitern, stellt das Mitmachen neben das Konsumieren, den spielerischen Wettkampf  neben das „Shoppen“. 111 Wettkämpfer und rund 500 Schnupperschützen folgen dieser Idee des „aktiv werdens“, doch wichtiger, als die reinen Zahlen, sind Freude, Emotionen und Momente des miteinander aktiv seins, die an den beiden Tagen so manches mal eine schöne Stimmung hervorbringen.

Biathlonfieber

Kennen Sie das Biathlonfieber? Es ist ein Virus, aber keine Krankheit. Am Samstag zeigt das Termometer über 30 ° C, doch das Biathlonfieber entsteht unabhängig von der Außentemperatur. Ein Betroffener: Tim Dietzler (im Bild oben im grauen T-Shirt). In seinem ersten Biathlonduell mit seinem Fußballkollegen Lukas (orangenes T-Shirt) erzielt der 16-jährige Bad Godesberger 3 Treffer. Aber eben auch zwei Fehlschüsse. Nicht, dass das schlecht wäre, doch sie lassen den jungen Sportler nicht los. Er geht ins zweite Duell, mit…Lukas, und wieder werden es drei Treffer. OK, erstmal was trinken, denn die 400 m Skilanglauf auf dem Thoraxtrainer sind ganz schön anstrengend. Eine halbe Sunde später ist der Betroffene wieder da: 3. Versuch…mit…Lukas. Letzterer wäre wohl lieber längst im Freibad oder zumindest im Eiscafe nebenan, aber gegen Tims Biathlonvirus ist gerade kein Ankommen. 3. Versuch: 3 Treffer. Die Jagd nach den 5 Treffern wird nicht unbedingt einfacher, wenn man sie erzwingen möchte. Doch Tim versucht es auf jede mögliche Weise. Mal mit langer Pause zwischen den Schüssen, mal mit kurzer, mal mit schnellem Skilanglauf zuvor, mal mit verhaltenerem. Um es abzukürzen: Wir begrüßen Tim und Lukas am späten Nachmittag zu ihrem 5. Duell und freilich ist es für das Tourteam die größte Freude, Mitmacher mit dem Biathlonfieber zu infizieren. Tim, der Bruder des Kanu-Olympiasiegers Max Rendschmidt, kann seinen sympathischen sportlichen Ehrgeiz tatsächlich zu einer Verbesserung nutzen. Aus 3 Treffern werden 4 und selbst im 5. Duell schafft er noch die gute Zeit von 2:56 Minuten.Mit diesem Ergebnis wird er 17. von 111 Wettkämpfern. Lukas wird 43. Sein happy end ist, dass Tim auf einen 6. Start verzichtet.

Das gleiche Virus, nur in etwas anderer Ausprägung und nicht weniger sympathisch, ist jenes der Biathlon-Tour-Touristen. Sie haben die Tour zumeist nahe ihrer Heimat kennengelernt, fahren ihr aber auch zu weiter entfernten Etappen hinterher. Besonders ausgeprägt ist diese Form des Biathlonvirus‘ unter den Etappensiegern der Vorjahre, die das Erlebnis des Tourfinals auf Schalke bereits genießen konnten und am 28.12. diesen Jahres gerne wieder dabei sein möchten. 5 der 11 bisherigen Etappensieger diesen Jahres sind Finalisten des Vorjahres. In Bad Godesberg sind mit Arno Schmitt, dem Sieger aus Andernach 2016(im Bild oben mit Sonnenbrille), Dirk Harmeling, dem Sieger aus Marl und seiner Tochter Jana, Siegerin in Warendorf (im nebenstehenden Bild im direkten Duell) wieder einige der besten der letztjährigen Tour am Start. Auch Jörg Hild (nebenstehendes Bild im gelben T-Shirt), zwei Wochen zuvor bei der Etappe in Meckenheim als Staffelläufer der VIP-Biathlonstaffel im Wettbewerb Zielsicherste Stadt erfolgreich, ist an beiden Tagen in Bad Godesberg aktiv.

Die besten des Samstags

Der 15-jährige Bad Godesberger, Simon Röding, der in Bonn-Beuel bei den dortigen Sportschützen seinem Hobby, Sommerbiathlon, nachgeht, schafft in seinem ersten Biathlonduell an diesem Samstag 3 Treffer und möchte es nun nochmal wissen. Ein zweiter Mitmacher ist rasch gefunden. Andrew Irven, Brite aus London, aber seit 4 Jahren als UN-Volunteer in Bad Godesberg nimmt die Herausforderung mit dem Jüngeren an. Im Sommerbiathlon wird gelaufen und geschossen, insofern ist die Skilanglaufsimulation auf dem Thoraxtrainer auch für Simon eine gänzlich ungewohnte sportliche Disziplin. Er adaptiert jedoch sehr rasch und ist in diesem zweiten Duell bereits deutlich schneller als zuvor. Doch die Überraschung ist Andrew. Er ist an den Langlaufstöcken sehr kraftvoll und schließlich auch ausdauerstark und wechselt rund 15 Sekunden vor Simon ans Biathlongewehr. Dort schießt er, als hätte er bereits Biathlonerfahrung. Doch Simon steht ihm in nichts nach. Im einzigen Duell dieses Wochenendes, das ohne jeden Fehlschuss bleibt, gewinnt Andrew in 2:31 Minuten gegen Simon in 2:48 Minuten. Die beiden belegen nach dem Samstag die Plätze 2 und 4. Zum Etappenende am Sonntag werden sie 3. und 5. sein.

Marketingstudent mit Volltreffer

Stephan Pelzer (im Bildvordergrund), Bad Godesberger, der in Düsseldorf im 5. Semester Marketing- und Medienmanagement studiert, geht mit seinen Freunden Achim und Nicolas in den Biathlon-Dreikampf. Der Vereinstennisspieler ist flott auf dem Thoraxtrainer und einer der wenigen, denen die Körper- und Atemkontrolle vom ersten bis zum letzten Schuss perfekt gelingt. Mit 2:38 Minuten und 5 Treffern schiebt sich Stephan zwischen Andrew und Simon auf Platz 3. Am Ende der Etappe belegt er den 4. Platz.

Die schnelle Reitsportlerin aus Duisburg

Von der Etappenführenden des 1. Tages kein Wettkampfbild zu haben, ist eigentlich ein unverzeihliches Versäumnis. Wenn diese Führende jedoch selbst die Fotografin des Events ist, wird der Makel zumindest erklärlich. Sandra Blömeke (im Bild mit roter Kappe) begleitet in Bad Godesberg erst zum 2. Mal eine Biathlon-Touretappe und steht an diesem Samstag auch das erste mal auf dem Thoraxtrainer. Um so erstaunlicher ist der schnelle „Ritt“ der Reitsportlerin durch die Sommerloipe. Doch sie hat viel Kraft in den Armen, trägt beim Auf- und Abbau der Biathlonarena auch die unangenehm schweren Gegenstände „mit links“ und so schafft sie, was bisher erst drei Wettkämpferinnen in zwei Jahren gelungen ist. Die 400 m auf dem Thoraxtrainer unter 2:00 Minuten (außer Sandra sind dies Jana Harmeling, Irina Bychkova, die Schwimmerin aus Gersthofen und Catharina Freitag, die Biathlon-Kaderathletin aus der Talentschmiede von Stefan Puderbach). Doch in 22 Sekunden dann einfehlerloses Schießen hinzulegen, ohne jede Schützenerfahrung, das macht Sandras Leistung noch verblüffender.

Nein, wir hätten Sandra, als Mitarbeiterin, am Sonntagabend nicht zur Etappensiegerin und Finalistin für Schalke gekürt. Doch wir nehmen sie in diesen Bericht und in die Rangliste dieser Etappe auf, weil sie bisher keinen Übungsvorteil gegenüber allen anderen hatte und weil diese Leistung von ihr einfach gewürdigt werden muss. Übrigens wiederholt sie am Sonntag ihr Ergebnis nochmals nahezu und erreicht in 2:24 Minuten mit 5 Teffern am 2. Etappentag das zweitbeste Resultat.

Viele gute Wettkämpferinnen (VIDEO)

Gleich 8 Wettkämpferinnen schafften ein Ergebnis mit 4 oder mehr Treffern und damit eine Platzierung unter den besten 30. Ein so gutes Erbegnis unserer Wettkämpferinnen hatten wir in diesem jahr auf den ersten 10 Etappen noch nicht. Neben Sandra Blömeke und dem Vize-Champion der Tour 2016, Jana Harmeling, die auch heute als Schnellste aller Wettkämpfer in 2:01 Minuten wieder für Furore sorgte, ist Jasmin Wieschalla (im Bild weiter oben mit Sandra Blömeke, im rosanen Kleid) die erfolgreichste. Sie schafft ein fehlerloses Schießen und wird 10. der Etappe. Franzi Passon (oben, im unteren Bild) und Natascha Kienzle (oben, im oberen Bild) gehören ebenso zu diesen 8 besten Wettkämpferinnen, wie Sabrina Barsties, die Bedienung aus dem Insel-Hotel-Restaurant nebenan (als 19. der Etappe), Petra Weisskirchen, die Karatekämpferin aus Plittersdorf und Nicole Köllen, die Fitness-Sportlerin. Herzlichen Glückwunsch!

Der kühne Prophet

Am Samstag tritt Frank Engels-Renery zum Biathlonduell an und macht seine Sache mit 4 Treffern gleich richtig gut. Am Sonntag nun möchte sich auch sein 12-jähriger Filius, Patrick, im Biathlonduell testen, obwohl Sport gar nicht so seine Sache ist. Der Junior macht aber eine gute Figur auf dem Thoraxtrainer. Am Biathlongewehr, das immerhin 4 kg schwer ist, schafft Patrick 2 Treffer. Sehr ordentlich für einen 12-Jährigen, finden wir, doch ihm gefällt das Ergebnis gar nicht. „Beim nächsten Start schaffe ich 5 Treffer“, kündigt Patrick an. Wer so auf die Pauke haut, der wird an seinen Worten gemessen. Mittlerweile entlädt sich ein kräftiger Regenguss über Bad Godesberg, doch der hält Patrick nicht ab. Auf dem Thoraxtrainer geht Patrick entschlossen zu Werke, hält durch und ist rund 10 Sekunden schneller, als bei seinem ersten Wettkampf. Am Biathlongewehr lässt er sich nur wenig Verschnaufpause, schießt und trifft, schießt…und trifft, schießt…und trifft. Wir trauen unseren Augen kaum. 4. Schuss und wieder Treffer. Alle Achtung, der Junge hat Mumm! Mit dem letzten Schuss verfehlt Patrick das Ziel, aber das ist schon ganz anderen passiert. Wer so „liefert“, wie Patrick, der kann sich auch gewagte Ankündigungen erlauben. Wir ziehen den Hut vor dem 12-Jährigen.

Die erfolgreichen Väter

Im Duell mit Tochter Antonia ist Norbert Auf dem Graben am Samstag der erste Wettkämpfer mit einem fehlerlosen Schießen. Die beiden kämpfen vor den Augen des Redakteurs und Fotografen, Stefan Hermes, und schwupps werden die beiden großen Biathlonfans selbst zu den Shootingstars und landen mit Foto in der Montagsausgabe des Generalanzeigers. Da hat sich die lange Anreise aus Wuppertal doch gleich doppelt gelohnt. Norbert belegt am  Ende mit 3:37 Minuten Platz 8.

Ein Platz hinter Norbert erreicht auch der ehemalige LeistungssportlerFridtjof van den Berger aus den Haag eine Top 10-Platzierung. Der Triathlet und Straßenradfahrer war in seiner aktiven Zeit u.a. beim Rennen Rund um den Henninger-Turm am Start und schaffte beim Triathlon auch schon 45 Radkilometer in der Stunde. Heute in Bad Godesberg geht es gemächlicher zu. Fridtjof ist mit seinem 12-jährigen Sohn, Martin, am Start, der sein Talent mit 2 Treffern ebenfalls schon andeutet, während sein Vater in 3:48 Minuten zu den fehlerlosen Schützen dieser Etappe zählt.

Die Magie des Tour-Finals 2016

Wir erinnern uns zurück. Am 28.12.2016 steht der Etappensieger aus Andernach, Arno Schmitt, im dritten Vorlauf des Tourfinals auf Schalke gegen den Tourchampion von 2015, Kai Wilhelmi und den Etappensieger aus Remagen, Jonas van Schelve. Unter den zahlreichen Zuschauern, die ganz eng um die Wettkämpfer herum für eine tolle Stimmung sorgen, drücken auch Arnos Frau Michaela und seine beiden Töchter dem Papa fest die Daumen. Und der macht in diesen Minuten alles richtig und stürmt als Sieger des Dreikampfes ins Tour-Halbfinale. Es war der Anfang eines tollen Tages, der für die 4 Schmitts als Ehrengäste in der VELTINS-Arena auf den sogenannten Gänsehautplätzen zum großen Erlebnis werden sollte.

Diesen Motivations-Vorsprung haben die Finalisten der beiden vergangenen Tourjahre gegenüber allen Neulingen der Tour und sie nutzen ihn in diesem Jahr sehr erfolgreich. Auf 4 der bisher 10 Etappen dieses Jahres siegten Finalisten des vergangenen Jahres. Und Arno, leidenschaftlicher Sportler, 24-Stunden-Mountainbiker und nun auch Läufer, setzt diese Serie fort, holt sich gleich im ersten Versuch in 2:12 Minuten mit 5 Treffern die Etappenführung in Bad Godesberg und gibt sie den Tag über auch nicht mehr her.

Für uns vom Tourteam ist es der schönste Lohn, zu sehen, wie viele Finalisten des Vorjahres mit Begeisterung und Motivation ihr Projekt „Finale 2017“ angehen. Es gibt uns die Gewissheit, auf den Touretappen nicht zu viel zu versprechen, wenn wir den Preis für den Etappensieger als großen Erlebnistag mit Gänsehaut bezeichnen. Wir freuen uns schon auf diesen Tag, den 28.12.2017 und wir freuen uns auf das Wiedersehen dort mit den 4 Schmitts aus dem kleinen Örtchen Weibern!

Es gäbe noch manche schöne Geschichte…

zu erzählen, etwa die der begeisterten Brüder, Rasheed und Ismail (im Bild oben, oben links) oder die des sympathischen Equadorianers, Carlos Manzo (im Bild oben, oben rechts), die des treffsicheren Ahmed Abdulsalam, der 7. der Etappe wird (im Bild oben, unten links im blauen Hemd) oder die des unermüdlichen Vielstarters Guiseppe Gallucci, einem typischen Fall von Biathlonfieber…

aber es gilt zum Ende zu kommen und einen Dank auszusprechen an den Ausbildungsleiter für Nordischen Skisport im Skiverband Rheinland, Stefan Puderbach, der seinen Sonntag an der Biathlonarena verbrachte, um Bad Godesberger Talenten Perspektiven aufzuzeigen, wie und wo sie die Möglichkeiten eines Biathlontrainings wahrnehmen können. Herzlichen Dank auch an Sandra Blömeke für die vielen ausgezeichneten „Schnappschüsse“, an Daniel Holtschneider für seine, wie immer, aufmerksame Eventbetreuung von morgens bis abends und natürlich auch an das Stadtmarketing Bad Godesberg für das Vertrauen in die Biathlon auf Schalke-Tour.

Bilder: Sandra Blömeke     Text: Martin Bremer